Buchempfehlungen

Keul, Hildegund

Mechthild von Magdeburg: Poetin - Begine - Mystikerin

Freiburg 2007: Herder-Verlag, € 16,90

Am 8. September diesen Jahres wurden im Hundertwasserhaus in Magdeburg zwei Bücher vorgestellt: Diese Biographie und ein Pilgerinnenbuch zu Mechthild von Magdeburg und Elisabeth von Thüringen. Am Abend konnten Magdeburgbesucher von einer sonoren Frauenstimme hören:

„Herr, Du bist mein Geliebter,
meine Sehnsucht,
mein fließender Brunnen,
meine Sonne,
und ich bin Dein Spiegel."
(Mechthild von Magdeburg, Das fließende Licht der Gottheit, Friedrich Frommann Verlag, Stuttgart - Bad Cannstatt1995, S. 23 - 27)

Zur Eröffnung des Mechthildjahres erschallten Texte von Mechthild von Magdeburg zusammen mit einer erstaunlichen Lichtinstallation über der Elbe - auf der Schiffe fuhren, die Leben und Werk Mechthild von Magdeburgs zum Ausdruck brachten.

Das Erlebnis dieser Nacht hatten nur relativ wenig Menschen - mit Mechthilds Werk können sich viele auseinandersetzen. Wer es in der Hand hält mag sich zuerst erschlagen fühlen durch die Fülle ihrer Gedanken und die Vielfalt der Ausdrucksformen. Doch seit diesem 8. September gibt es die Möglichkeit, sich durch ein Buch in Leben und Werk Mechthilds von Magdeburgs einführen zu lassen, das auch für NichttheologInnen gut lesbar ist und für das es keine literarische Vorbildung braucht.

Hildegund Keul, die für ihre Habilitationsschrift zu Mechthild von Magdeburg den Karl-Rahner-Preis erhielt, hat ein Buch geschrieben, in dem sie Mechthilds Lebensorte und Lebensthemen gut zum Ausdruck bringt.

Ausgangspunkt des Lebens von Mechthild, genannt von Magdeburg, ist eine Burg, welche wissen wir nicht zu sagen. Doch wir kennen die Lebensumstände auf Burgen im 13. Jahrhundert, als sich der Lebensort von der Burg in die Stadt verlagerte und Menschen als „Bürgerinnen und Bürger" eine neue Freiheit von der Fron auf der Burg erringen konnten. Wie viele Menschen im 13. Jahrhundert, verließ Mechthild ihre Heimatburg. Ihr Beweggrund war „ein göttlicher Gruß". Sie fühlte sich von Gott in die Stadt Magdeburg geführt, wo sie als Begine lebte und mit 40 Jahren begann ihre geistlichen Erfahrungen in „Poesie" zur Sprache zu bringen. S.27 Hildegund Keul erläutert, worin Mechthilds Poesie besteht - sie vollbringt eine Kehrtwende - wie es im Wort „Vers" zum Ausdruck gebracht wird. „Auf der Burg ihrer Eltern hat Mechthild die inspirierende Lebensmacht poetischer Sprache hautnah erlebt - einer Sprache, die vom Leben erzählt und mit der Liebe tanzt." (S. 29)

Hildegund Keul erklärt in ihrem Buch Begriffe, die sich im Kontext des Werkes der Mechthild von Magdeburg neu erschließen, wie der Begriff Vision, „ein Offenbarwerden, das von Gott bewirkt ist. Hier geht es um Wahrheiten, die ‚das fließende Licht der Gottheit' erhellt." (S. 33)

Wie in ihrer Habilitationsschrift, zieht Hildegund Keul auch hier den Vergleich zu Maria bei der Verkündigung: Grüßen bedeutet im Mittelalter, die Ehre des Gegenübers anzuerkennen. Mechthild von Magdeburg erkennt sich als von Gott anerkannte Frau - und „Ihre Berufung zeigt sich hier als eine Ausgießung des Heiligen Geistes, der für überströmende Lebenskraft, Weisheit und Mut steht, sowie für die Fähigkeit, jene Dinge beim Namen zu nennen, die ansonsten lieber verschwiegen werden." (S. 36)

Wir würden heute sagen mit dieser Erkenntnis löst sich Mechthild aus dem Kontext ihrer Familie und beginnt ihren eigenen Weg zu gehen, der sie in die Stadt führt. Damals entstanden die Städte als von der Kurie unabhängige Gebilde - Magdeburg erhält wie viele andere Städte zu jener Zeit das Stadtrecht und löst sich aus der Verfügungsgewalt des Bischofs. Mit zwanzig Jahren beginnt sie als Begine zu leben, mit den Ärmsten der Armen, auf der Straße. Gleichzeitig Zeit entwickelte sich die Geldwirtschaft, Menschen, die in die Stadt zogen erhofften sich persönlichen Erfolg, doch für viele kam der Abstieg in die Armut.

Wie für Elisabeth von Thüringen, ist die Armut für Mechthild von Magdeburg kein lebensfernes Ideal, sondern sie wird ihr als Begine zur all-täglichen Realität. Für Hildegund Keul ist es wichtig, dass sich die Beginen in Gottesfragen einmischten und nicht nur, dass Beginen eine soziale Bewegung der Frauen waren, die für heutige Frauen Vorbild einer Lebensform sein können.

Es gelingt ihr die theologische Aktualität der Beginenbewegung darzustellen. „Sie vermitteln die innertheologische Diskussion und die geistlichen Interessen der lesenden Frauen." S. 68 Sehr deutlich wird in Mechthilds siebenbändigem Werk „Vom fließenden Licht der Gottheit", dem ersten theologischen Werk in deutscher Sprache und einem der wichtigsten Werke der Mystik überhaupt, dass Mechthild eine Frau war, die als geistliche Autorität in ihrer Zeit anerkannt war und um Rat gefragt wurde. „Insgesamt zeigt sich, dass Mechthild als schreibende Begine eine treibende Kraft der Armutsbewegung ist." (S. 74)

Hildegund Keul hat ihr Buch in fünf Abschnitte aufgeteilt. Nach einer kurzen Einleitung, die aufzeigt, wie sie trotz der wenigen erhaltenen Nachweise über Mechthilds Leben aus ihrem Werk ihre Biographie herausarbeitet, folgt ihr Leben in vier Abschnitten: auf der Burg, in der Stadt Magdeburg, im Wort und im Kloster Helfta.

Hildegund Keul macht deutlich, dass Mechthild von Magdeburg nicht nur eine begabte Mystikerin war, deren Worte auch heutigen Frauen Mut machen zur eigenen Sprache zu finden. Sie zeigt auch ihre Bedeutung für die Frauen in Helfta auf - im gegenseitigen sich anerkennen und wertschätzen hören sich die Frauen ins Wort. Warum findet Mechthild in Helfta Gehör - weil dort gebildete Frauen fast darauf gewartet haben, dass der All-tag der Stadt, den Mechthild mitbringt ins Klosterleben, einbricht und es mit der Welt „befruchtet". Besonders deutlich wird Mechthilds Einfluss im Werk Gertrud von Helftas. „Die alte Frau fordert die junge zum Wort heraus." (S. 154)

Ich wünsche diesem Buch aufgeschlossene Leserinnen und Leser, die sich davon für ihr eigenes spirituelles Leben inspirieren lassen.


Irene Löffler / September 2007

 

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